Engelskirchen/NRW: „Ich habe den Eindruck, dass wir eine echt coole Truppe sind, in der jeder so ein bisschen seine Erfahrung oder auch ganz neue Denkweisen miteingebracht hat und dass wir organisationstechnisch etwas gerissen haben“, sagt David Pichler aus dem baden-württembergischen Weingarten zufrieden. Für den Malteser, der angibt, sehr gerne sieben Stunden lang aus dem Südwesten des Landes ins nordrhein-westfälische Ehreshoven gereist zu sein, um an diesem, für die Hilfsorganisation bisher einzigartigen Workshop teilzunehmen, hat sich die Zeit von Freitagabend bis einschließlich Rosenmontag gelohnt. Pichler und acht weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter, u.a. auch aus den Diözesen Essen und Paderborn, konnten nämlich jetzt an einem ganz besonderen Lehrgang partizipieren. Die Rede ist von VOST.
Virtual Operations Support Team
Hinter dieser Abkürzung verbergen sich die Begriffe „Virtual Operations Support Team". Gemeint ist damit eine digital vernetzte Einheit. Im heutigen Zeitalter kann VOST ein bedeutendes Element im Rahmen der Gefahrenabwehr darstellen. Die dahinterstehende Idee: Das Erfassen, Messen und Bewerten von Einsatz-relevanten Daten. Kommt es beispielsweise zu Unfällen, Bedrohungslagen, Überfüllungslagen oder sonstigen besonderen Ereignissen, kann dies von einem VOST frühzeitig erkannt werden. Eine aus Einsatz- und oder medienerfahrenen Kolleginnen und Kollegen bestehende Mannschaft beobachtet mittels digitaler Technik kontinuierlich die Lage und meldet in regelmäßigen Abständen an die Einsatzleitung vor Ort. Das Besondere: Hierfür braucht im Prinzip niemand aus der Gruppe am eigentlichen Platz des Geschehens präsent zu sein, sondern kann von überall her relevante Daten ermitteln und liefern. Auch die Kommunikation untereinander erfolgt beispielsweise über TEAMS. "Das VOST ist ganz sicher auch ein weiterer Baustein der Malteser auf ihrem Weg zu mehr Digitalisierung", ist sich David Pichler sicher.
Treffen in Ehreshoven
In der Malteser Kommende in Ehreshoven trafen sich die Kolleginnen und Kollegen aus Haupt- und Ehrenamt unter der Leitung von Initiator und Benefacio-Themenmanager Kai Vogelmann aus dem Bereich Notfallvorsorge nach zwei vorangegangenen Teams-Meetings nun am Freitagabend des Karnevalwochenendes erstmals persönlich. Gekommen waren Malteser aus sämtlichen Teilen des Landes, zumal das Interesse bereits zu Beginn der Planungen außergewöhnlich hoch war. Nachdem der Tag der Anreise zunächst dem Kennenlernen diente, stand der Samstag bereits ganz im Zeichen eines klassischen Workshops. Alle Teilnehmenden hätten bereits ein gewisses Grundverständnis für die Bereiche Einsatzkommunikation, Datenaufbereitung sowie Datenanalyse mitgebracht, so Vogelmann.
Was ist mit Bordmitteln erreichbar?
Insoweit stand zunächst die Standortbestimmung sowie die Klärung der Frage, was das Team mit den eigenen Bordmitteln erreichen könne, um die Einsatzleitung im Bereich Auswertung von Daten, wie beispielsweise Meldungen im klassischen Medienbereich sowie im virtuellen Net, die einsatzrelevant sein könnten, zu unterstützen. „Natürlich bekommt der Stab auch sehr schnell Informationen über die Polizei, aber gerade in so einer Lage, sind es auch eine, zwei oder drei Minuten, die uns Vorteile verschaffen“, erklärt Vogelmann. Je früher die Malteser wüssten, dass etwas passiert sei, desto zielgerichteter könnten sie auch Hilfe einleiten.
Aufgabenverteilung
Auch über eine Alarmierung des Teams sowie über eine sinnvolle Aufteilung innerhalb der Einsatzlage hat sich die Mannschaft Gedanken gemacht. „Wichtig ist, dass nicht alle das Gleiche machen, sondern, dass wir das, was notwendig ist, verteilen, um einen Stab dann zur richtigen Zeit mit den richtigen Informationen versorgen zu können. Dazu wurde auch ermittelt, was das Team grundsätzlich alles für diese Arbeit benötigt. So sei über die übersichtliche Einrichtung von Dashboards ebenso gesprochen worden, wie über die Frage, wie im Einsatz kommuniziert werden solle und was konkret, von E-Mail-Anbindung bis Telefonverbindung, notwendig sei.
Vorhandene Systeme grundsätzlich gut
„Es hat sich herausgestellt, dass unsere Systeme, die wir bei den Maltesern für eine solche Zusammenarbeit haben, grundsätzlich schon sehr gut sind“, unterstreicht Vogelmann am Ende des Workshops. Dennoch bestünden Unterschiede: Während man im Hauptamt per se gut ausgestattet sei, müsse im Ehrenamt nachgesteuert werden, wenn man sich in einer solch speziellen Truppe engagieren möchte. „Das fängt bei der Hardware an und reicht über Software-Lösungen bis hin zu der Frage, ob unsere Lizenzen im Hinblick auf den Datenschutz ausreichend sind“, sagt Vogelmann. Hier bietet Benefacio Lösungen durch finanzielle Förderung an.
Keine bestehenden Systeme kopieren, sondern ergänzen
Am Nachmittag wurde das VOST dann in der Einsatzleitung in Köln in die Arbeitsweise des Stabes und die Aufgaben rund um die beiden großen Sanitätsdienste am Sonntag und Rosenmontag eingewiesen. „Mit unserem VOST wollen wir keine bestehenden Systeme wie beispielsweise die des THW oder der Feuerwehr kopieren“, betont Kai Vogelmann, „sondern sie mit der Expertise, die wir hereinbringen, ergänzen.“ Bei der Gründung des Malteser VOST sei ganz bewusst die Nähe zum VOST des THW und zur VOST Academy gesucht worden. Am Sonntag, der ursprünglich vor allem dazu dienen sollte, denjenigen Kollegen, die noch nicht während des Kölner Karnevals im Einsatz waren, einmal zu demonstrieren, wovon man hier rede, habe man aber tatsächlich schon gearbeitet. Im Mittelpunkt der Ausbildung stand zunächst aber nochmal eine kurze Verlegung in die Domstadt in den Einsatzabschnitt der Malteser.
Kölner Karneval zählt zu Europas größten Events
Wichtig zu wissen: Der Kölner Karneval war deshalb als Anlass für diesen Praxis-Workshop gewählt worden, da es sich hierbei immerhin um einen der größten Malteser-Einsätze in Europa handele, erläutert Vogelmann. Das Neue an der Arbeit mit dem VOST im Vergleich zu früher beschreibt der Einsatz-erfahrene frühere S5 so: „Die Kölner Malteser monitoren ihren Bereich, wie beispielsweise Social-Media-Aktivitäten und die lokale Presse, mit Sicherheit ebenfalls, allerdings nicht so tiefgehend, wie wir es machen. Für uns ist es momentan nämlich schon ein Quantensprung, dass wir mit spezieller Recherchesoftware und freizugänglichen Tickern beobachten.“
Neues Tool
Über die Bundesebene habe das VOST ein Tool erhalten, das die Möglichkeit schaffe, im Rahmen der News-Kommunikation um ein Vielfaches tiefer in den Bereich Social Media einzutauchen, als es Einsatzleitungen sonst jemals hätten tun können. „Wir haben aber auch die Möglichkeit, über Georeferenz-Daten, die wir gerade sammeln, nochmal zusätzlich an Material heranzukommen. Diese Chance hatten wir sonst auch noch nie.“ Inwieweit die Methodik künftig noch weiter verfeinert werden oder gegebenenfalls noch weitere Software hinzugekauft werden müsse, würde im Anschluss noch besprochen werden. Auch hierzu sei das Workshop-Format ja da.
Plötzlich wird es ernst
Mitten in der kurzen Mittagspause wird es dann plötzlich ernst: Ein möglicher Anschlag in der Mannheimer Innenstadt mit vielen Verletzten wird in den Nachrichtenagenturen und auch schon auf Plattformen wie X gemeldet. Erste Live-Bilder werden vom VOST erfasst. Das VOST organisiert sich neu: ein Teil des Teams versucht, möglichst viele Infos zur Lage in Mannheim und eventuelle Auswirkungen auf den laufenden Einsatz in Köln zu bekommen, andere Teammitglieder beobachten weiter den laufenden Einsatz in Köln und halten den Kontakt zum S2 in der Einsatzleitung. Parallel zu diesen Arbeiten informiert der Leiter VOST die Führungskräfte im Bereich Notfallvorsorge in der Zentrale, die an diesem Tag eigentlich frei haben, denn aus dem gesichteten Video- und Bildmaterial wird schnell deutlich, dass sich auch Kolleginnen und Kollegen der Malteser in Mannheim im Einsatz befinden. "Ich hatte es erwartet, war aber überrascht und schockiert, wie schnell Gerüchte, Hass-Botschaften, Vorverurteilungen und übelste Beschuldigungen auf Plattformen wie X die Runde machten", beschreibt Thorsten Heß aus Gütersloh die Situation. Der Social-Media-affine und erfahrene Rettungsdienstler hatte sich auf die Beobachtung dieses Kanals konzentriert. Für die Arbeit im VOST brauche es erfahrene Kolleginnen und Kollegen, die wiederum beispielsweise von PSNV-E Kolleginnen und Kollegen begleitet werden, das war am Ende dieses Nachmittags allen klar. Aber das VOST hat am Rosenmontag nicht nur beobachtet, sondern auch schon eine konkrete Empfehlung an die Einsatzleitung in Köln und die zentrale Unternehmenskommunikation abgegeben: Die klassische, eher humorvolle Social-Media-Kommunikation solle im Hinblick auf die Lage in Mannheim eingestellt und auf eine reine Einsatzkommunikation und den Einsatzkräfte-Dank bezogene Kommunikation umgestellt werden.
Gelerntes
Fazit: „Wir sehen, dass wir mit dem VOST viele Möglichkeiten haben und müssen lediglich aufpassen, dass wir nicht alle Möglichkeiten zu einem Daten-Overkill zusammenführen und gar nicht mehr bewerten können, von was wir da reden“, resümiert Vogelmann. In jedem Fall sei er sehr froh darüber, durch Teammitglied Guido Ganser auch den Malteser IT-Partner SoCura fest mit an Bord zu haben. Dies ermögliche es, von vorneherein Grundlagen zu schaffen, die es erlaubten, von Möglichkeiten und Grenzen dieser speziellen Arbeit zu sprechen. Der zweite Workshop in Präsenz wird schon in wenigen Monaten beim Summer Breeze Festival stattfinden. Wie es dann mit dem Thema VOST weitergeht, entscheiden die Malteser selbst. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ersten Präsenzrunde zeigten sich in jedem Fall rundum begeistert vom Übungsdurchgang unter echten Bedingungen. Und David Pichler aus Baden-Württemberg hat daher mit Sicherheit seine mehrstündige Rückreise in den Süden des Landes mit einem richtig guten Gefühl angetreten.