Euskirchen. „Für uns Malteser war es heute wichtig, weiterhin Teil der Psychosozialen Notfallvorsorge hier im Kreis Euskirchen zu sein sowie auch unser gemeinsames Projekt mit den Partnern von AWO, Caritas, Diakonie und DRK im Hilfszentrum Schleidener Tal noch einmal darstellen zu können. Die Möglichkeit, sich hier mit den vielen Partnern im Kreis zu vernetzen, um auch für zukünftige Angebote gemeinsame Überlegungen anzustellen, ist uns ebenfalls wichtig“, erklärt Wolfgang Heidinger (Bundesbeauftragter der Malteser Fluthilfe). Doch von vorne: Erstmals hatte der Kreis Euskirchen eine Veranstaltung unter dem Motto, Vernetzen, Verbessern, Vorangehen, rund um die Frage, „Welche Lehren ziehen wir aus der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Flutereignisses 2021“ auf die Beine gestellt.
Im Gebäude der Kreisverwaltung, am Jülicher Ring 32 A, waren anlässlich dieses Events zahlreiche Player aus dem Bereich der Psychosozialen Notfallvorsorge aufgeschlagen. Neben den Maltesern, die zum einen durch den Bereich Fluthilfe mit eigenem Info-Stand sowie zum anderen auch durch den Referenten für Einsatzdienste, PSNV, Notfallvorsorge und Rettungshunde der Malteser Bundeszentrale, Rolf Schmidt, beim kleinen Kongress vertreten waren, interessierte sich vor allem auch breites Fachpublikum für die über den gesamten Vormittag angesetzten Vorträge. So referierten neben Doktorandin Francesca Müller von der Bergischen Universität Wuppertal auch Koryphäen wie Prof. Dr. Harald Karutz von der MSH Medical Scool Hamburg vor dem geneigten Publikum.
Im Zentrum der Fragestellung stets: Wie kann die PSNV künftig noch weiter optimiert werden. Eine zentrale Erkenntnis der Studie von Bald-Doktorin Francesca Müller, die unter dem Titel FlutPerspetive PSNV lief und sich beispielsweise mit der systematischen Analyse der Kommunikation in Sozialen Medien zur Anfertigung psychosozialer Lagebilder in Krisen und Katastrophen beschäftigt hat, war unter anderem, dass medial über den Kreis Euskirchen im Zusammenhang mit der Flut im Vergleich zum Ahrtal mit am wenigsten berichtet worden sei. „Das ist total erstaunlich, weil auch hier super viele Leute sehr heftig betroffen waren“, sagt die junge Wissenschaftlerin. Dass das Ahrtal im Gegensatz zum Kreis Euskirchen medial sehr präsent gewesen sei, habe für viele Menschen zusätzlich zu einer Belastung geführt, weil die öffentliche Anerkennung des Leides somit eigentlich nicht vorhanden gewesen sei.
Weil man nicht einfach an die Menschen, die PSNV in Anspruch genommen hätten, hätte herantreten können, um sie danach zu fragen, ob sie für Interviews zur Verfügung stünden, sei es für die Forschung verhältnismäßig schwierig, wirklich valide Daten zu gewinnen. Aus diesem Grund seien sie zusammen mit dem Kreis Euskirchen zu der Erkenntnis gelangt, eine offene, weit zu streuende Web-Umfrage zu starten, was zur Folge habe, dass die Ergebnisse nun keinen Anspruch auf Repräsentativität hätten. Zusätzlich habe es aber auch noch Einzelinterviews sowie drei Workshops gegeben.
Heraus kam am Ende Interessantes: Zum einen sei künftig besser zwischen Betroffenheit, Belastung und Beanspruchung zu unterscheiden. Des Weiteren sei die Rolle Sozialer Medien nicht zu unterschätzen. Weiterhin gestaltet sich darüber hinaus die Einschätzung von Unterstützungsleistungen aus Sicht der Helfenden und aus Sicht Betroffener teilweise stark unterschiedlich. Körperkontakt während der Lage, wie in den Arm zu nehmen, werde beispielsweise von Helfenden mit rund 70 Prozent als wesentlich hilfreicher eingeschätzt als dies von Betroffenen tatsächlich angesehen werde, die diese Form der Nähe mit nur 30 Prozent als zuträglich einstuften.
Auch Prof. Dr. Harald Karutz, Inhaber einer Professur für psychosoziales Krisenmanagement an der Hamburger Medical School und federführend verantwortlich für die von den Maltesern mit Unterstützung des NRW-Innenministeriums in Auftrag gegebene wissenschaftliche Evaluation rund um psychosoziale Maßnahmen im Schleidener Tal während und nach der Jahrhundertflut 2021, referierte im Anschluss. Zunächst betonte der Wissenschaftler, dass er zu einem Projektteam gehöre, zu dem auch Frank C. Waldschmidt von den Maltesern zähle, welcher sehr stark in das Projekt involviert gewesen sei, sowie eine weitere Doktorandin. Karutz, der auch dem wissenschaftlichen Beirat im Bundesamt für Bevölkerungsschutz- und Katstrophenhilfe (BBK) angehört, stellte sodann vor, woran konkret geforscht wurde, machte jedoch gleichzeitig deutlich, dass nur Zwischenergebnisse präsentiert werden könnten, zumal die wissenschaftliche Untersuchung, die ursprünglich Ende 2024 abgeschlossen sein sollte, aus unterschiedlichen Gründen noch bis zum Jahresende 2025 fortgeführt werde.
Zunächst, so der Professor, gehe es ausschließlich um PSNV-B (Bevölkerung). Die Forschungsfragen, mit denen man sich beschäftigt, seien die Auswertung positiver und negativer Erfahrungen sowie entsprechende Ableitungen für künftige Krisen und Katastrophenlagen. Wichtigste Erkenntnis: Menschen waren unvorstellbaren Belastungen ausgesetzt und haben Unvorstellbares geleistet. Besonders zu beachten hierbei unter anderem: Extreme Hilflosigkeitserfahrungen. Positiv herausgestochen bei den Aktivitäten im Schleidener Tal sei beispielsweise die „professionelle Improvisation“, die als Musterbeispiel tituliert wurde. Herausgekommen seien im Zuge der Evaluation bisher bereits 56 Handlungsempfehlungen. Darunter u.a. die Punkte, „frühzeitig Fachberater PSNV einbeziehen“, „Psychosoziale Begleitung der Krisenstabsarbeit“ oder „Psychosoziale Aspekte größerer Schadenslagen sollten auch künftig in Übungen berücksichtigt werden“.
Bis zum Ende dieses Jahres darf man insoweit wohl noch auf zahlreiche weitere Erkenntnisse der Studie gespannt sein.Der erste kleine Fachkongress zum Thema PSNV in Euskirchen, der während des Nachmittags noch mit zahlreichen Workshops weiterging, stellte in jedem Fall einen gut angenommenen Auftakt dar, der hoffentlich auch künftig weitergeführt wird, um noch jede Menge weitere Erkenntnis für die optimale künftige Anwendung von PSNV in Krisen und Katastrophenlagen anzureichern.